zur ausstellung sept. ’17

teppich mit farbfeldern 04-página001

Nach Strich und Faden

Die Redewendung „nach Strich und Faden“ ist eine Qualitätsaussage und bedeutet, etwas gut, gründlich, nach allen Regeln (der Kunst) und vollständig tun bzw. getan zu haben.

Die Begriffe stammen aus dem Weberhandwerk: Strich steht für die Faserrichtung bei einem aufgerauten Gewebe (Tuch), Faden für den Fadenbruch oder gebrochenen Faden. Man prüfte nach dem Weben, ob die Arbeit hinsichtlich des geforderten Webmusters – des Striches – korrekt (in Farbe, Muster, Festigkeit) ausgeführt worden ist und ob kein Fadenbruch vorliegt. Fiel diese „Prüfung nach Strich und Faden“, positiv aus, war das gewebte Stück korrekt und gründlich hergestellt worden.

Der Begriff fand während des 19. Jahrhunderts als Redewendung in die Sprache Eingang.

Heute wird sie meist in negativem Sinn gebraucht, z. B. nach Strich und Faden betrügen – jemanden völlig und mit allen Tricks hintergehen, oder auch jemanden nach Strich und Faden verprügeln.

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Wenn wir einen Blick auf die Vergangenheit werfen, können wir beobachten, wie alle handwerklichen Tätigkeiten, denen der Mensch zur Sicherung seines Lebensunterhalts nachgegangen ist, früher oder später über ihre reine Zweckbestimmung hinaus auch Ausdruck seines schöpferischen Schaffensdrangs wurden.

Töpfern, Flechten, Weben, dienten zum Schutz, zum Aufbewahren und Transportieren, aber soweit es die Lebensbedingungen zuliessen, eben auch zum Schmücken, Verschönern und Wohlfühlen, zum Unterscheiden und zum persönlichen Gestalten. Wo handwerkliche Fähigkeiten und künstlerische Begabung Hand in Hand gingen, entstanden Kunstobjekte, deren Zweck nicht mehr allein oder gar nicht mehr in der Nutzung lag, und diesem oder jener war es möglich, den Lebensunterhalt mit der kunsthandwerklichen Tätigkeit zu bestreiten.

Kunsthandwerker zogen durch die Lande, um ihr Können anzubieten, und dieses durch Abschauen, Nachahmen, Erneuern zu verbessern und zu erweitern. Dieser Austausch von Techniken, von schriftlichen und bildhaften Referenzen stellte einen wichtigen Bestandteil der gegenseitigen kulturellen Bereicherung dar und machte damit die umherziehenden Handwerker zu Bot- und, Kundschaftern ihrer jeweiligen Kulturen.

Textilien boten und bieten dabei einen großen Vorteil: da unzerbrechlich, leicht zu transportieren, auf- und abzubauen, aus- und aufzurollen, an- und auszuziehen sind sie in der Lage, uns schnell und intensiv das Gefühl von “bei uns” und “wir” zu vermitteln, also perfekte Identitätsträger. Nicht umsonst haben alle nomadischen Völker einen reichen Schatz an textilen Objekten, von Kleidung und Trachten über textile Raumelemente, mit denne sie ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft oder einer konkreten Region Ausdruck geben.

Textilien haben aber auch einen grossen Nachteil, vor allem für die Historiker, so pflegeleicht sie auch im Gebrauch sein mögen, so vergänglich sind sie, wenn sie nicht angemessen aufbewahrt werden.

Das mag ein Grund dafür sein, dass von all den textilen Objekten, die in der Vergangenheit hergestellt wurden, nur ein Bruchteil erhalten geblieben ist. Einzelne Bildwirkereien aus dem 11. Jahrhundert zeugen von der Webertradition im mittel- und nordeuropäischen Raum. Basel und Strassburg, oder die Niederlande, waren im 15. und 16. Jahrhundert bekannte Produktionszentren. Und wir können annehmen, dass eine nicht geringe Zahl von Weberinnen ihr kunsthandwerkliches Können unter Eigenregie anbot und sie ihren Lebensunterhalt dadurch bestritten, was für Frauen zur damaligen Zeit nicht selbverständlich war. Sie reisten durch Europa , um hier oder dort Bildteppiche zu weben, welche die Heime oder Repräsentationsstätten ihrer betuchten Kunden schückten.

Wie in vielen anderen gab es auch im textilkunsthandwerklichen Bereich einen Moment der Verlagerung von dem, was man als Heimproduktion bezeichnen könnte, hin zu einer eher wirtschaftlich orientierten Gewerbestruktur, aus der die bedeutenden Manufakturen hervorgehen sollten. Diese befanden sich über lange Zeit hinweg in Männerhand, bis…… ja bis gerade das textile Kunsthandwerk wieder mit Herd und Heim assoziiert und somit wieder zur Frauendomäne wurde. Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen, aber im Grossen und Ganzen lässt sich doch feststellen, dass mit Verringerung der geschäftlichen und gesellschaftlichen Relevanz der Wirkerei es die Frauen gewesen sind, die sich im hohen Masse und wieder in Eigenregie um die Bewahrung der Technik und der Tradition dieses Kunsthandwerkes gekümmert haben und kümmern. So schliesst sich der Kreis in Zeit und Raum.

Im September besteht die Möglichkeit, im Sebastian-Haffner-Zentrum an der Prenzlauer Allee 227/228 einiges von dem nachzuvollziehen, was die hier kurz umrissene Geschichte der Bildwirkerei kennzeichnet.

Die in Deutschland gebürtige Künstlerin Andrea Milde widmet sich der Kunst des Webens von Bildteppichen, die sie in Frankreich erlernt hat und seit über 30 Jahren in ihrer Wahlheimat Spanien ausgeübt hat. Arbeit in Eigenregie, von der Zeichnung bis zum Teppich; Bewahrung einer althergebrachten Technik als Ausdrucksmittel aktueller Inhalte; Bilder und Räume, textile Wände und fadenfeine Erzählungen aus ihrer spanischen Wahlheimat, die Spuren einer Wanderschaft von Nord nach Süd und von West nach Ost, all dies bildet den Leitfaden dieser Ausstellung von Bildwirkereien aus drei Jahrzehnten. Vor allem aber ist sie, und das nach Strich und Faden, eine unmissverständliche Liebeserklärung an die Langsamkeit. Unsere Empfehlung: bringen Sie Zeit mit.

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nach strich und faden (02)

SO, weiter geht es mit den Vorbereitungen für die Ausstellung im September. Gerade hat eine kleine Erschütterung in Berlin stattgefunden. Das Epizentrum befand sich im Gebäudes Nummer 22, in der Fichtestrasse. Es sind glücklicherweise keine Schäden zu verzeichnen, weder unter den Bewohnern, noch am Gebäude.

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Die Ursache ist vermutlich ein Stein, der den Angaben einer sicheren Quelle zufolge der Bewohnerin der Wohnung im 4.Stock vom Herzen gefallen ist, nachdem sie einige Pakete aus Spanien erhalten hat. Wir freuen uns über diesen positiven Anlass und laden alle Leser ein, sich ab dem 07.09 von dem Inhalt dieser Pakete begeistern zu lassen.

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