407 _ auf reisen

Nach Burg. Im Zug. Mit jedem Umsteigen wurde er langsamer, kürzer und leerer. Und die Landschaft, die Landschaft wurde immer flacher, immer ruhiger, immer unaufgeregter.

Welch wunderbares Wort, das ich immer mit dem Norden verbinden werde, egal in welcher Gegend. Selbst die Asturianer und Galicier sind unaufgeregt, im Vergleich zu den Andalusiern.

Erster Halt: HAMBURG. In einem anderen Moment meines Lebens hätte ich mich gefreut, zwei Stündchen Aufenthalt zu haben. Ein Besuch in der Kunsthalle wäre naheliegend gewesen. Aber das NAHE geht ja gerade nicht.

Absurd, diese Situation. Selbst vor der Reise hatte ich einen kurzen Moment der coronabedingten Irritation. Schoß mir doch tatsächlich die Frage durch den Kopf, was ich denn sagen würde, würde ich gefragt ob denn meine Reise beruflich oder privat zwingend erforderlichen sei. Aus meiner Erfahrung in anderen Situationen weiss ich sehr gut, dass das, was ich als zwingend erforderlich empfinde nicht immer deckungsgleich ist mit dem, was andere als solches bezeichnen würden.

Nun, niemand hat mich gefragt und ich habe die Hälfte der Reise mundschutzbewehrt und alleine in einem Waggon gesessen.

Und in Hamburg habe ich nur einen kurzen sehnsuchtsvollen Blick auf die Kunsthalle geworfen und gedacht, wie sicher ich dort doch wäre. Selbst ohne Corona sind Museen nach wie vor Orte von Zucht und Abstand, kaum traut man sich laut zu reden oder sich ungebührlich schnell fortzubewegen, läuft man doch Gefahr, darauf hingewiesen zu werden, eben dies nicht zu tun. Abstand ist auch zu nicht-corona-Zeiten in so ziemlich jedem Museum ein Muss. Und in Coronazeiten? Es wird wohl kaum ein Museum auf der Welt geben, das nicht ein perfekt durchdachtes und noch dazu aufgrund der äußeren Umstände durchaus umsetzbares Hygienekonzept vorzuweisen hätte. Personal in jedem zweiten Saal, geschult darauf auf Abstand zu achten.

Und wie gut würde es der Seele tun, durch die heiligen Hallen der Kunst zu wandeln, die Ruhe zu genießen, sich der Kontemplation hinzugeben, diesem konzentriert-beschaulichen Nachdenken und geistigem Sichversenken in etwas, angesichts der Kunst um einen herum.

Ja, wie gut würde es der Seele tun. Aber wen kümmert schon die Seele? Wer sorgt sich, wem liegt ihr Heil am Herzen?

So saß ich dann auf dem Bahnsteig, habe die Zeit damit verbracht, mir die Karte von Schleswig-Holstein genauer anzusehen. Bin mir, zu meiner Schande muss ich es gestehen, da erst bewußt geworden, dass sich mein Reiseziel nur knapp hinterm Nord-Ostsee-Kanal befindet.

Zweiter Halt: Itzehoe. Der Zug ist überschaubar geworden, hat nur noch vier Waggons. Bahnsteig direkt gegenüber. Da reichen selbst mir die fünf Minuten Umsteigezeit. Es wird ruhig, es wird weit. Auch in mir. Zwischen hier und dort eben jener Kanal, dessen Vorhandensein mir bis vor wenigen Stunden nicht gegenwärtig war. Tatsächlich schippert gerade als der Zug den Kanal überquert ein riesiges Passagierschiff quer durch die Landschaft. Wenn man nicht wüsste, was ich inzwischen weiss…..

Dritter Halt: Burg. Seit einer Stunde ist es vollkommen absurd, die Maske zu tragen. niemand sitzt im Zug außer mir. Selbst zu einer Kontrolle scheint sich niemand aufraffen zu können. Am Ziel angekommen wartet Kay, Kay und ein Hundertwassergemälde, das die Unterführung kunterbunt gestaltet und mich an Ostereier aus anderen Zeiten erinnert, und an Uli, meinen Sohn, der mir ein wunderbares Hundertwasser-Bild gemalt hat, das an meinem Webstuhl hängt.

Zwei Tage Land, zwei Tage Ruhe. Ein Zaunkönig, der den Weg nach draußen sucht, ein Kamin der pfeift, ein Kahn der schwer an der Decke hängt, ein Spaziergang am Kanal und ein Besuch bei Edgars Sohn. Und wer ist Edgar? Nun, ihr kennt ihn vielleicht, ich kannte ihn jedenfalls nicht. Aber ich habe natürlich sobald ich konnte diese Leerstelle in meinem Allgemeinwissen aufgefüllt, zumindest für eine kurze Zeit.

Edgar Mrugalla, Kunstfälscher von Beruf. Ich habe im Internet ein Interview gefunden. Hört mal rein….. Total spannend.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/mrugallaedgar100.html

Und jetzt? Jetzt werde ich zuschauen, wie die beiden letzte Kerzen im fünfarmigen Ständer ausgehen, werde den letzten Schluck Grauburgunder trinken, denn Kay ist kein Weintrinker und würde die Flasche im Kühlschrank vergessen. Und ich mache mich bereit für die Rückkehr in die Stadt, in den Kosmos KMH und an den Webstuhl. Im Gepäck die Aufgabe zu akzeptieren was ist und das Beste daraus zu machen. Zu weben.

Leben und Weben – Ich hoffe, dass dieses Jahr ein Kunstwerk wird. „Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben, du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch“. (Jesaja 38,12)

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