berlin _ 611

005

Irgendwann, vor so vielen  Jahren, dass die Finger meiner beiden Hände nicht reichen, um sie zu zählen, hab ich das erste Mal drei Zahnstocher in einen großen Kern gepiekst, das ganze Konstrukt sachte auf den Rand eines mit Wasser gefüllten Glases gelegt und dann wochenlang darauf gewartet, dass etwas passierte. Meistens geschah nichts und nach einiger Zeit landete die gammelige Kugel im Müll, manchmal wuchs ein Wurmfortsatz, selten kam ein Blatt dazu. Über vier kam ich so gut wie nie hinaus.

Irgendwann, vor so vielen Jahren, dass die Finger vierer Hände gerade so eben reichen würden, um sie zu zählen, kam aus einem dieser Kerne eine kleine Pflanze und aus der kleinen Pflanze wurde mit viel Liebe eine große; so groß, dass wir bei unserem Umzug aus Madrid in den Norden Angst hatten, sie würde die Reise nicht überstehen. Mit viel Überwindung trafen wir die Entscheidung, sie in Madrid zurückzulassen.

Wenig später starb sie. Die eigene Verantwortung nicht eingestehen wollend, habe ich immer die Person dafür verantwortlich gemacht, in deren Obhut sie starb.

Seitdem habe ich viele Zahnstocher umfunktioniert zu Trägerkonstruktionen dicker brauner Kugeln, die von ihnen in angemessenem Abstand über dem Wasserspiegel gehalten wurden. Habe unzählige Stunden zugeschaut, wie sich der erste Spalt, die erste Wurzel und schließlich das erste Blatt den Weg ans Licht bahnte. Habe jedem Zögling gut zugeredet, wenn mal die Sonne ein paar Tage fehlte, immer größere Töpfe mit Erde gefüllt und mich an jedem neuen Blatt erfreut.

Dabei habe ich mir immer gewünscht, dass einmal aus einem dieser hochgeschossenen blattbesetzten Stängel etwas wird, das erahnen läßt, dass sein eigentliches Wesen baumartiger Natur ist. Nie habe ich es übers Herz gebracht, die Spitze zu kappen, immer fand ich die drei neuen Blätter die gerade wuchsen, so wunderbar grün, so unendlich zart und viel zu vielversprechend, als dass ich hätte zuschneiden können. Allein die Vorstellung tat mir weh.

006

Und dann, vor so vielen Tagen, dass die Finger einer Hand ausreichen, sie zu zählen, wurde mein Wunsch Wirklichkeit. Gleich zwei meiner Avocadobäumchen haben sich abgestimmt und zur gleichen Zeit ihre Spitze in mehrere Triebe geteilt. Ganz ohne mein Zutun.

Bin sehr gespannt und werde aufmerksam beobachten, wie es weitergeht.

Dieser Beitrag wurde unter arte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s