textil _ 494 _ Tuchmachermuseum Bramsche

Ein Kurs steht an. Wie immer lade ich das Auto voll mit den gleichen Garnen, mit den gleichen zu einfachen Webrahmen umfunktionierten  Tischböcken, mit der gleichen Auswahl interessanter Bibliografie, mit dem gleichen Werkzeug. Und doch weiss ich schon beim Beladen, dass es wieder eine ganz neue Erfahrung werden wird.

 

Denn der Ort ist ein anderer, und die Menschen, die teilnehmen werden andere sein. Und letztendlich sind sie es, die jeden Kurs zu einer einzigartigen Erfahrung werden lassen.

Diesmal ging es nach Bramsche, in das dortige Tuchmachermuseum, wo noch bis zum 12.05.2019 eine Auswahl meiner Arbeiten zu sehen war. Und es gab auch ein klares Thema: wir wollten kleinformatige Blumenteppiche weben, bei gutem Wetter, sogar direkt in der Natur. Das war leider nicht möglich. Nach den schönen Ostertage ist es doch noch einmal empfindlich kalt geworden, und so haben wir es uns unter dem Dach des Museums gemütlich gemacht.

Bei den Wochenendkursen dient der Freitag dazu, uns gegenseitig vorzustellen, den Ablauf des Kurses zu besprechen, eine kurze Einführung in die Technik, das Werkzeug und das Material zu geben und die Kette und Webkante vorzubereiten.

 

Wie immer finde ich eigentlich die zweieinhalb Tage etwas zu kurz und wünschte mir einen Tag mehr oder, wieso nicht, eine ganze Woche. Was ich aber nach wie vor gut finde, ist dieser Freitags-Prolog, diese kompakten drei Stunden am ersten Tag, die genau dazu dienen, die Stimmung des Raumes und der Gruppe zu erfassen und die Spannung in der Kette zu binden.

Diesmal sind wir sofort hineingesprungen in die aufregende Welt der Bildwirkerei, ohne vorherige Übungen. Von Freitag auf Samstag sollte jede Teilnehmerin sich ein Blumenmotiv aussuchen. Voraussetzung: es sollte ihr so gut gefallen, dass sie bereit sein würde, zwei Tage ihres Lebens damit zu verbringen, dieses Bild zwischen den Kettfäden entstehen zu lassen.

 

Ich war sehr gespannt auf die Entwürfe und begeistert von der Verschiedenartigkeit der Vorschläge, die die Teilnehmerinnen am Samstag mitbrachten. Da ich eine Größe von 10 x 10 cm vorgegeben hatte, konnten wir bei jeder Zeichnung besprechen, welche Webrichtung sinnvoller sein würde, und warum; welches Material und welche Farbmischungen interessant sein könnten, und wo eventuell schwierigere Passagen zu erwarten sein würden, die also auch etwas mehr Geduld und Zeit erfordern würden.

Und dann ging es los. Natürlich waren wir uns alle bewußt, dass zwei Tage nicht viel Zeit sind und dass es sein könnte, dass die Blume nicht zu schaffen ist. Es sollte nur ein „Schnuppern“ sein. So weit wie wir eben kommen!!!!

 

Anfangs gibt es immer viele Fragen und Zweifel und es scheint nur langsam, viel zu langsam voran zu gehen. Dann wird die Konzentration immer spürbarer und die Stille immer größer. So groß, dass das restilche Personal des Museums irgendwann nachschauen kam, ob alles in Ordnung ist.

Und natürlich wurden die Hände immer fleissiger.

 

Wenn man dann sieht, wie schön das aussieht, was da auf der Kette wächst, dann gibt es kein Halten mehr. Dann packt der Ehrgeiz zu und dann setzt man alles daran, dieses kleine Stück selbstgemachter Blütenpracht fertig zu bekommen.

 

Für mich als Kursleiterin ist daher der zweite Tag immer schwierig. Natürlich spüren wir alles das Zeitlimit wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen schweben, nur darauf wartend, zuschlagen zu können und durch den Hieb der Zeit die Kette VOR Fertigstellung des Teppichs durchzuschneiden. Genau dann wünsch ich mir diesen „einen Tag mehr“. Wahrscheinlich würde dann genau das gleiche passieren. Selbst wenn man eine Woche zur Verfügung hätte, würde man sich möglicherweise diesen „einen Tag mehr“ wünschen. Auch wenn er nur zum Feiern des Vollbrachten diente.

Vielleicht liegt auch gerade das mit in der Natur der Wirkerei, dass man sich immer diesen „einen Tag mehr“ wünscht.

 

Diesmal konnte ich eine Lösung anbieten: Da ich in der kommenden Woche wieder nach Bramsche reisen musste, um die Ausstellung abzubauen, konnte ich den Teilnehmerinnen vorschlagen, die Rahmen mit heim zu nehmen und im Laufe der Woche den Teppich fertig zu weben. Allerdings unter der Bedingung, mir ein Foto des fertigen Teppichs zu schicken.

Zwei Stücke sind aber abgeschlosen worden, und die kann ich jetzt schon einmal zeigen:

 

 

 

Ich finde, da können zwei Wirkerinnen sehr stolz sein auf das, was sie da geschaffen haben in zwei Tagen intensiver Arbeit.

Ich jedenfalls bin stolz auf sie und auf den Rest der Gruppe. Es war ein angenehmes Beisammensein, ein ernsthaftes und anspruchsvolles Arbeiten, ein Wagnis auf neuem Gebiet.

Es hat mir großen Spaß gemacht, und ich hab mich wie immer glücklich geschätzt, die Möglichkeit bekommen zu haben, anderen Menschen etwas von der Begeisterung für die Bildwirkerei weitergeben zu können. Oder es zumindest zu versuchen.

 

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