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Es hat tatsächlich gedauert. Aber nun habe auch ich meinen ersten Mauerpark-Flohmarkt-Besuch hinter mir. Nach über einem Jahr in Berlin. Juanjo meint zwar, wir wären schon einmal dort gewesen, und ich hab es bisher zwar nicht vehement bestritten, aber doch bezweiflt, weil ich mir nicht sicher war, ob ich mich auf meine Erinnerung verlassen konnte, oder sich in der Aufeinanderfolge der Ereignisse während der ersten Berlinbesuche, als Juanjo schon hier war und dem Rest der Familie den Weg geebnet hat, und ich noch in Spanien, um die Zelte nicht einzureissen, sondern behutsam abzubauen, Bilder übereinander gelagert hatten oder verloren gegangen waren. So etwas soll ja vorkommen, bei Umzügen. Deshalb war nicht auszuschiessen, dass mir diese Erinnerungsbilder vom Mauerpark einfach abhanden gekommen waren.

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Heute bin ich ziemlich sicher, dass es wirklich das erste Mal war. Wahrscheinlich war es noch nicht mal so ’ne richtige Mauerparkstimmung. Der plötzliche Kälteeinbruch nach dem langen milden Herbst hatte viele überrascht und einige abgeschreckt. Es war lange nicht so voll, wie es in den Sommermonaten wohl zu sein pflegt. Was sich auf meine Stimmung nun wiederum sehr vorteilhaft ausgewirkt hat.

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Etwas Geschiebe am Eingang, babelische Geräuschkulisse zur Begrüßung, Duft nach Asiatischem und nach Glühwein, etwas Kunsthandwerk, etwas Design, mal eher gehipstert, mal eher alternativ, etwas fürs Touristenauge und Spass am Secondhanding. Von allem war etwas dabei. Klamotten, Möbel, Antiquitäten, Selbstgedachtes und Selbstgemachtes.

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Ganz gemütlich bin ich von einem Stand zum nächsten gebummelt. Hab mir als Handwärmer meinen ersten Glühwein gegönnt und nach dem Stöbern in den ersten KrimsKramsKisten beschlossen, dem herbstlichen Grau ein buntes Blumenbouquet entgegenzusetzen.

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Am Anfang fand ich das noch ganz witzig, aber je mehr Kisten ich durchsah, um so seltsamer fühlte ich mich dabei. Meine Stimmung schlug vollends um, als ich auf den Zuckertopf mit dem Würfelzucker stiess, und auf die gehäkelten Deckchen, die irgendjemand zum Schutz zwischen die Desserttellerchen aus hauchdünnem Glas gelegt hatte, darum besorgt, dass sie nicht zerbrechen.

Und jetzt lagen sie lieblos zusammengewürfelt in zu langen Reihen aufgereihten Pappkartons, an denen fremde Menschen  auf der Suche nach einem Vintage-Schnäppchen entlangdefilierten, unter den wachsamen Augen einiger „Beobachter“, die auf erhöhtem Stühlen Posten bezogen hatten, um sicher zu stellen, dass niemand unbezahlt etwas „mitgehen“ lässt von all dem Ramsch, dem sie selbst keinen weiteren Wert beimessen ausser dem, den andere bereit sind zu entgelten.

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Plötzlich war der Zauber verflogen und in meinem Kopf begannen sich Bilder zu mischen: von mir beim Ausmisten meiner eigenen Sachen, jedesmal, wenn ich nach langen Zeiten der Abwesenheit zu meiner Mutter kam; von der Auflösung der Wohnung meiner Mutter nach ihrem Tod und der Ohnmacht weder Raum noch Zeit zu haben, um mich richtig von all den Dingen zu trennen, denen irgendwie etwas von meiner Mutter anhaftete; von den Umzügen der eigenen Familie und dem Ordnen der Habseligkeiten, an denen so viele Erinnerungen hängen…… Und dann kommt hier und da auch noch ein Gegenstand zum Vorschein, der ebensogut mir gehören könnte, und ich versuche mir die Menschen vorzustellen, die mit diesen Gegenständen verbunden waren, und die Schiksale, die dazu geführt haben, dass ich jetzt hier stehe und in ihren Habseligkeiten wühle. So wie man manchmal im Supermarkt an der Kasse steht und auf dem Band all die Dinge sieht, die die Person vor einem gekauft hat und versucht, sich vorzustellen, was es mit dieser für Aussenstehende willkürlichen Zusammenstellung von Gegenständen auf sich haben mag.

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Mit jeder Kiste werden diese Menschen mir gegenwärtiger und ich stelle mir vor, dass vielleicht auch meine Habseligkeiten irgendwann mal in solch einer Reihe von Kisten landen. Immer noch besser als in einem Müllcontainer, oder? Zumindest bekommen sie eine neue Chance und jemand anderes ein paar Euros, oder? Oder nicht?

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Tief berührt bin ich mit einem kleinen Likörglas aus rosagefärbtem Glas und drei handbemalten Ostereiern davongegangen. Seitdem werde ich all diese Gedanken nicht los und eine gewisse Wehmut macht sich in mir breit.

Ich hab mir vorgenommen, nächste Woche wieder hinzugehen. Erstens, weil ich mich mit einem Kunsthandwerker verabredet habe, der mir eine selbstgemachte Gottesanbeterin zeigen will, zweitens weil es an einem Antiquitätenstand eine wunderschöne Badepuppe aus Porzellan gab, über deren Preis durchaus noch verhandelt werden kann, und drittens um zu sehen, was passiert, wenn ich mich ein zweites Mal diesen Reihen von KrimsKramsKartons gegenüber sehe. Vielleicht, wenn man entsprechend gewappnet ist, bringt einen das alles nicht aus dem Gleichgewicht. Schliesslich ging ein Strom von Menschen an diesen Reihen von Kisten vorbei, ohne auf irgendein Art und Weise angerührt zu sein. Nur bei einer Gelegenheit erkannte ich mich mit meinen Gedanken bei jemand anderem wieder, als nämlich eine Frau zu ihrem Partner sagte: Ist schon krass, stell dir vor, du siehst so ’ne Kiste mit Kram durch und dir wird auf einmal klar, dass er von jemandem ist, den du kanntest.

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